JPEG vs. RAW

Da ich im Bekannten- und Freundeskreis schon des Öfteren gefragt wurde, ob es sich wirklich lohnt, den „beschwerlichen“ Weg einer zusätzlichen Konvertierung seiner Bilder durch die Aufnahme im RAW-Format in Kauf zu nehmen, möchte ich hiermit das Statement „I shoot RAW“ mit zwei Praxisbeispielen untermauern.

Die Verbreitung von DSLR-Kameras im Consumer-Bereich wächst stetig und die Preise für diese Geräte sind auf Kompaktkamera-Niveau gefallen. Jeder kann somit qualitativ hochwertige Bilder erzeugen, wenn er denn nur möchte. Allerdings fehlt Vielen einfach das technische Vorwissen oder Engagement, um nach der gelungenen Aufnahme und Archivierung auch noch eine adäquate Nachbearbeitung durchzuführen. Dabei bieten uns die Kamerahersteller sogar im Lieferumfang enthaltene RAW-Konvertierer an bzw. man geht einen Schritt weiter und schaut sich nach professionellen Lösungen, wie zum Beispiel Adobe Photoshop Lightroom oder Apple Aperture um.

Wir sind täglich umgeben von perfekt inszenierten und retuschierten Bildern in Magazinen, Zeitschriften, Weblogs und Fotocommunities – kein Wunder, dass bei vielen Hobby-Fotografen im Vergleich mit den eigenen Werken schnell die anfängliche Euphorie über die neue DSLR schwinden kann. Dagegen hilft nur Eines – sich mit der Thematik Fotografie & Kamera beschäftigen und vor allem die Vorteile der digitalen Bildbearbeitung, insbesondere des RAW-Formates, nutzen. Warum das sinnvoll ist, möchte ich an folgenden Beispielen kurz zeigen.

Ausgangssituation

Eine klassische Gegenlichtsituation. Die Akteure im Vordergrund werden von der tiefstehenden Sonne am Horizont rückseitig beschienen, ein Standortwechsel des Fotografen ist durch das angrenzende Wasser nicht möglich bzw. möchte dieser den schönen See mit auf dem Bild haben. Eine ausgewogene Belichtung zwischen den Personen und der Umgebung, insbesondere dem Himmel, ist aufgrund des hohen Kontrastunterschiedes nicht möglich. Nun gäbe es für den Fotografen zwei Möglichkeiten der Entscheidung: für einen korrekt belichteten Himmel mit Silhouetten der Personen im Vordergrund per Matrixmessung, oder eine Spot-Belichtungsmessung auf die Personen mit dem Ergebnis eines komplett ausgebrannten Himmels.

Originalbild (Nikon NEF) aus der Kamera

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Der Fotograf entscheidet sich für eine mittenbetonte Belichtungsmessung, welche in diesem Fall zu einem Kompromiss beider beschriebener Szenarien führt – die Personen zeigen noch schwach erkennbare Details in der Kleidung und der Himmel hat in allen Bereichen noch Zeichnung. Das Originalbild ist trotzdem ohne weitere Bearbeitung nicht zu gebrauchen. Macht aber nichts, denn wir fotografieren ja im RAW-Format!

RAW (NEF) mit Bearbeitung in Adobe Photoshop Lightroom 3

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Um das Originalbild mit den beschriebenen technischen Mängeln zu verbessern, nutzen wir die Vorteile des RAW-Formates bestmöglich aus. Natürlich unterliegt eine Bearbeitung immer dem Geschmack des Fotografen und es gibt nur eine subjektive Empfindung, wie weit man die Regler bewegen möchte oder sollte.

Folgende Anpassungen wurden vorgenommen:

  1. der Weißabgleich wurde von 5350 auf 6000 Kelvin verschoben, um eine wärmere Gesamtstimmung zu erzeugen
  2. das „Aufhelllicht“ wurde stark angehoben (Wert 82), um die Personen aufzuhellen, ohne die Zeichnung des Himmels zu verlieren (was bei einer Änderung des Wertes „Belichtung“ der Fall gewesen wäre) und diese aus ihrem „Schattendasein“ zu befreien
  3. die „Klarheit“ wurde minimal erhöht, um eine Abgrenzung der Konturen zu verstärken, Dynamik und Sättigung wurden nach persönlichem Geschmack ebenfalls variiert
  4. die“Gradationskurve“ wurde leicht „S-förmig“ verändert, die hellen Bereiche dabei weiter aufgehellt, die dunklen Bereiche leicht abgedunkelt, was insgesamt zu einer Kontrastverstärkung führt
  5. es wurde eine „Teiltonung“ vorgenommen, wobei die Lichter mit einer gelb-grünen Färbung versehen wurden, um diesen sommerlichen, warmen Look weiter zu verstärken
  6. ein „Verlaufsfilter“ mit einer reduzierten Belichtung im Himmel sorgt für eine partielle Abdunklung dieses Bereichs, um mehr Dynamik zu erzeugen und mögliche ausgebrannte Stellen zu reparieren
  7. abschließend wurde eine „Vignettierung“ hinzugefügt, um das zentrale Geschehen noch stärker zu fokkusieren

Warum diese Bearbeitung mit einem JPEG nicht möglich ist

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Um zu zeigen, warum die Dateninformationen in einem JPEG des gleichen Motivs nicht aussreichen, um ein annäherendes Ergebnis der RAW-Bearbeitung zu erhalten, habe ich das unbearbeitete Originalbild als JPEG in bester Qualität exportiert, anschließend in Adobe Photoshop Lightroom wieder importiert und mit den gleichen Einstellungen versehen wie das zuvor gezeigte, bearbeitete RAW.

Das Resultat ist mehr als aussagekräftig:

  1. die Farbtransformation bzw. der „Look“ ist eine völlig andere – Übersättigung, Farbabrisse
  2. die Zeichnung im Himmel ist an vielen Stellen komplett verloren, es kommt zu ausgebrannten Stellen
  3. die Aufhellung der Kleidung ist in den tiefen Tönen nicht geglückt, die Folge sind abgesoffene Stellen
  4. insgesamt gehen durch die zuvor genannten Punkte im JPEG sehr viele Bilddetails verloren, welche im RAW jedoch sichtbar sind

Fazit

Ich denke, das Beispiel zeigt sehr gut, wieviel Bildinformationen in einem Original-RAW-Bild stecken, welche augenscheinlich nicht sofort erkennbar sind und erst durch den Einsatz von RAW-Konvertern „herausgekitzelt“ werden können. Gerade das „Aufhelllicht“ spielt dabei eine sehr große Rolle, ich persönlich nutze diesen Regler in circa 90% aller Bearbeitungen.

Bei den zu verwendenden RAW-Konvertern scheiden sich die Geister wie bei der Entscheidung der präferierten Kameramarke; da sich dieser Artikel aber eher an DSLR-Einsteiger richtet, sei diesen hiermit versichert, dass die Grundfunktionalität der Konverter zu geschätzten 90% identisch ist und schon der Umstieg von JPEG auf RAW und dessen anschließende Bearbeitung/Konvertierung ein optisch-emotionales Glücksmoment auslösen wird.

Zweites Beispiel

Die Bearbeitung dieses Bildes und dessen Versionen sind identisch mit dem zuvor gezeigten Beispiel.

 

Wem der Look des gezeigten bearbeiteten RAW-Bildes gefällt, kann sich das LR3-Preset hier gerne downloaden:

„ff summerflow“ LR3-Preset

2 Kommentare

  1. Ein toller Artikel. Er zeigt endlich mal kurz und knapp mit Vergleichsbildern das enorme Potenzial von RAW Aufnahmen dank ihres hohen Dynamikumfangs. So etwas habe ich gesucht! Inbesondere noch der Verweis mit welchen Tools dieses zu bewerkstelligen ist (Aufhelllicht z.B. in LR3).
    Vielen Dank!

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