Hilfe, ich wurde entführt.

Es ist Freitag am späten Nachmittag, man freut sich auf sein verdientes Wochenende, legt die Füße schon etwas höher und genießt die Abendsonne auf dem Balkon, als es plötzlich an der Tür schellt. Unerwartet betritt eine große, kräftige Person die Wohnung, welche man staunend als seinen Freund Sandro identifiziert und man mit den Worten: „So, jetzt pack mal schnell ein paar Klamotten für eine Nacht zusammen, wir müssen los!“ begrüßt wird. Interessanter Weise scheint die Freundin gar nicht sehr überrascht, im Gegenteil, es wird einem fleißig geholfen beim Zusammenpacken, der Reiseproviant ist bereits fertig und die Tasche schnell gefüllt.

Mit einem mulmigen Gefühl geht es auf die Autobahn in Richtung Hermsdorfer Kreuz, womit sich die Auswahl der Destinationen schon stark eingrenzt – München oder Berlin, denn so langsam verdichtet sich meine Ahnung, dass es sich wohl um eine Entführung mit dem Ziel einer Party-Nacht in einem Club handeln könnte.

Die Gewissheit kommt schnell, wir verpassen die richtige Abfahrt, trotz Navi und Karte, auf dem Berliner Ring (ich weise jegliche Schuld von mir) und es geht durch unbekanntes Terrain mit wohlklingenden Vorstadt-Namen immer weiter ins Zentrum Berlins. Es ist 21:45 Uhr als wir glücklich vor dem Etap-Hotel Ost in Marzahn halten, denn nach 22:00 Uhr ist nur eine Buchung per Kredit-Karte möglich und von uns nicht beabsichtigt. So langsam verfliegt meine Aufregung, ich ergebe mich meinem Schicksal und freue mich auf einen guten Party-Abend mit ungewisser Location und Act.

Gegen 00:30 Uhr enttarne ich das Geheimnis des Abend-Ziels durch einen Anruf bei der Taxi-Hotline, Sandro knirscht mir ein „Watergate“ entgegen und ich erahne Party-Erlebnis mit klaustrophobischen Zügen, langen Warteschlangen, teuren Drinks und einer Prophezeiung meines Ohrenarztes Namens Tinitus. Nach einer halben Stunde in der Warteschleife des Taxiunternehmens und einer weiteren ohne das diese ein Fahrzeug samt Fahrer geschickt hätten, hält zu unserem Glück ein solches direkt am Hotel und bringt andere Gäste. Der nette Taxifahrer mit orientalischer Herkunft entpuppt sich schnell als kundiger Party-Führer und unterrichtet uns während der Fahrt in Sachen Berliner Tanzschuppen und deren Klientel mehr als ausgiebig. 18,00 EUR leichter und mit dem Blick auf eine 100 Meter lange Warteschlange erreichen wir das Watergate.

Eines scheint sicher: es wird voll. Das dies kein Wunder ist, haben wir dem Main-Act zu verdanken, welcher sich als Opi-Sven entpuppt (diesen Namen haben wir ihm verliehen, nachdem wir einstimmig festgestellt haben, dass ihn die letzten 20 Jahre Techno-Living stark gezeichnet haben). Dieser wird in den Unterhaltungen der Mit-Schlangen-Ansteher laut kommuniziert und somit ist das letzte Geheimnis gelüftet: ein Tanzabend mit Sven Väth im Watergate Berlin soll mein Ersatz für einen gemütlichen Balkon-Grillen, Beck’s trinken, entspannt ins Wochenende gehen, Freitag Abend sein.

Nach einer guten Stunde in der Warteschlange und dem Erfolg nicht von den Tür-Muffels aussortiert zu werden betreten wir die, jetzt schon mehr als gut gefüllten, Hallen des Clubs: Eintritt 15,00 EUR. Das Interieur macht einen soliden Eindruck ohne unnötigen Schnick-Schnack und auch das vertretene Tanzvolk ist von jeglicher Einordnung in Klassen befreit, was mich sehr freut und einen netten Abend verspricht. Zielgerichtet steuern wir auf die Bar zu und auch dort lässt sich die bodenständige Ausrichtung des Clubs erkennen: Beck’s 0,33 Liter für 3,50 EUR ist ein verträglicher Preis angesichts der Lage und Acts.

Schnell ergattern wir einen gemütlichen Ledersofa-Sitzplatz direkt an der langen Glasfront mit Blick auf das Wasser und genießen die ersten Beats des DJ im unteren Floor, welcher eine gute Einstimmung in die musikalische Ausrichtung des Abends sein sollte. Nach und nach füllen sich die Hallen, die Anzahl der Beck’s nimmt auch bei uns stetig zu und es verlangt nach einem gepflegten Gang zu den Örtlichkeiten, welcher sich als Überraschungsmoment entpuppen sollte. Mit einiger Verwunderung betreten wir den, von mir im Vorfeld als sehr groß erachteten Main-Floor, wo zu dieser Zeit schon ein gut gelaunter Sven Väth an den Decks die Platten schwingt und dementsprechend auch die Tanzfläche mehr als gut besucht ist. Sofort befällt mich ein Gefühl von Enge, ein intensiver Körperkontakt ist unvermeidbar, der andauernde Strom zu den Örtlichkeiten wird allerdings allgemein akzeptiert und man lässt sich darin treiben. Da die WCs allerdings am anderen Ende der Halle, direkt hinter dem DJ-Pult untergebracht sind (dem Planer der Räumlichkeiten sei hiermit mein Unmut dafür geschildert), gibt es eine dauerhafte Zirkulation an Menschenmassen, welche die Tanzfläche in stetiger Bewegung hält.

Nach einer guten Stunde in den Massen, bei gefühlten 50 °C Raumtemperatur und einer Luftfeuchtigkeit von 100 % verlangte mein Körper nach weiteren Flüssigkeiten in Form von grünen Flaschen aus dem Norden. Somit zog es uns wieder in den unteren Floor, wo trotz großem Andrang ein gewisses Maß an Lounge-Atmosphäre schwebte und es tatsächlich ausreichend Sitzgelegenheiten für uns gab. Sandro ließ es nicht aus uns stetig mit flüssigem Nachschub zu versorgen und die Beats gekoppelt mit guter Unterhaltung ließen die Zeit verfliegen.

Nach einem rot-orangen Sonnenaufgang über den Silhouetten Berlins, leicht durchnächtigt und sehr entspannt, entschlossen wir uns den Weg ins Hotel anzutreten. Kurzerhand wurde noch eine junge Dame, welche den Freuden des Alkohols etwas zu sehr erlegen war und Sandros breiten Rücken als Lehne in Anspruch genommen hatte, von ihm durch die Ordner befreit und wir starteten ins Freie.

06:00 Uhr Morgens. Direkt vor dem Club wartete der ideale Frühstücks-Snack auf uns – ein, in einer dicken Winterjacke mit Kapuze eingepackter, dunkelhäutiger Mann stand wohlgelaunt und mit House-Hintergrundmusik begleitet in einem Wagen und verkaufte „The Worlds best Hotdogs“. Vergessen war die Lactose-Intoleranz und es gab ein „Classic“ für mich und ein „Cheese Special“ für Sandro (man muss ja nicht übertreiben). So liefen wir in die für uns logische Richtung aus der wir gekommen waren, mit dem Ziel einer S-Bahn-Linie in Richtung Marzahn. Nach ca. 3 Kilometern Fußmarsch (gefühlte 10 Kilometer im Automatik-Modus) entschieden wir uns für eine U-Bahn-Station mit Ziel Alexanderplatz, da Sightseeing um diese Uhrzeit einen gewissen Charme versprach und der Fernsehturm diesem Wunsch gerecht werden konnte, natürlich gepaart mit der Aussicht auf eine S-Bahn-Linie zu unserem Hotel.

30 Minuten später sahen wir die interessante Kulisse Berlins durch die Fensterscheiben der S-Bahn an uns vorbei gleiten und auch für Unterhaltung war gesorgt – eine Gruppe Hertha Berlin-Fans ließ uns lautstark wissen, welchen Klub man in der Hauptstadt zu bejubeln hat. Bei Butterkeksen wurde die Bundesland übergreifende Völkerfreundschaft bekundet und man erlag gemeinsam den Anstrengungen der Nacht.

Nach einer kurzen Dusche in der 1 x 1 Meter großen Nasszelle mit Komplett-PVC-WC, welche durch ihre einfache und somit leicht zu reinigende Bauweise bestach, erklomm ich die zweite Etage des Doppelstock-Bettes und versuchte meine Eindrücke der letzten 10 Stunden zu ordnen. Das gelang mir genau 30 Minuten, bis ich feststellen musste, dass sich die Behauptungen Sandros Freundin als Realität entpuppten und ich wünschte mir ihre zitierten Oropax herbei. Ich würde nicht behaupten, dass man dies als „lautes Atmen“ bezeichnen kann, wie dies vom Herren unter mir am nächsten Tag gerechtfertigt wurde. Endgültig verlor sich die kurze Nachtruhe gegen 10:00 Uhr, als die Reinigungskräfte des Hotels auf die Jagd nach übernächtigten Partymenschen machten und somit stand plötzlich eine mit Eimer und Bettlaken bewaffnete, nicht deutschsprachige Frau in unserem Zimmer und ich strafte sie mit einem erschrockenen, aber durchdringenden Blick. Sie hatte verstanden. Sandro hatte nichts verstanden und blieb regungslos liegen.

Nachdem 11:00 Uhr eine Multi-Wecker-Symphonie (Handy + Hotelwecker) uns daran erinnerte, dass wir spätestens 12:00 Uhr das Zimmer zu verlassen hatten, erblickten wir unweit ein sehr bekanntes goldenes M auf rotem Grund, welches unser Frühstücks-Mittag-Essen werden sollte. Auch hier eine neue Erkenntnis, Berliner Spatzen sind trotz eines 10 Zentimeter langen Pommes noch flugtüchtig und wagen sich dafür sogar direkt auf das Tablett.

Ausreichend gestärkt mit dem wohl gesündesten Frühstück nach einer Partynacht ging es auf die Autobahn, welche stadtauswärts auch für orientierungslose Thüringer ohne Probleme zu finden ist. Nach einer kurzen Instruktion des Navi durch Sandros Freundin wählten wir die vorgeschlagene Route in Richtung Heimat, obwohl mir der nördliche Weg um den Berliner Ring schon sehr merkwürdig vorkam. Bestätigt wurde diese Annahme durch den Vorschlag der netten Stimme aus dem Gerät, welche uns tatsächlich nach kurzer Autobahnstrecke direkt auf der Landstraße durch die City schicken wollte.

Wir ignorierten alle weiteren Versuche der Stimme uns fehlzulenken, nahmen die zweistündige Umfahrung der „Nordschleife“ in Kauf und fuhren auf einer überraschend leeren A9 mit der Sonne im Zenit nach Süden, bei 35 °C Auto-Innentemperatur, in einen entspannten Samstag Nachmittag mit viel Schlaf. Gegen 17:00 Uhr erreichten wir die Tore Erfurts und wurden von zwei fragenden jungen, gut aussehenden, wohlduftenden Damen empfangen.

Ich danke hiermit meinem Freund Sandro, der mich gekonnt um einen entspannten Freitag Abend und Samstag gebracht hat, dafür aber bewiesen hat das man auch mit fast 30 Jahren noch den Freuden der elektronischen Musik fröhnen kann ohne mit „Sie“ angesprochen zu werden. Danke :).

PS: Hatte ich erwähnt, dass ich Überraschungen nicht mag?

Website: http://www.water-gate.de/